Sanct Nicolay in Sulzbach



Geschichte der St. Nikolaus-Kirche von den Anfängen bis zur heutigen Nikolauskapelle.
Eine Sonderausstellung zur Geschichte der vor mehr als 200 Jahren abgetragenen Nikolauskirche fand im Wallfahrermuseum in Adlwang statt.



Die Lage



Franciscäum
Franciscäum
Lange Zeit galt der genaue Standort der Nikolauskirche als unbekannt. Das Josephinische Lagebuch von 1785, das erste österreichische Grundbuch mit Angaben von Parzellennummern, Parzellengröße und Nutzung, ermöglichte die Lokalisierung der Kirche unterhalb des Wimmergutes zu Nikola, Seidledtstraße 8, Ortschaft Emsenhub in Adlwang.

Das Franciscäische Lagebuch von 1825 (siehe Karte) weist nur mehr die Parzelle aus, auf der die Kirche gestanden hatte. Sie war inzwischen abgerissen worden. Es handelt sich um die Parzelle 440, hier als Acker angegeben, im Josephinum als der Platz der St. Nikolai-Kirche. Nebenan ist die St. Nikolai-Klause zu sehen. Die Straßenführung unterscheidet sich von der heutigen insofern, als die heutige Trasse etwa 50 Meter nach Osten verschoben worden ist, also nicht mehr unmittelbar an den Bauernhäusern vorbeiführt. Die Kirche lag also direkt an der Straße, die vom Hallerwald ins Tal führte. Von Osten her mündete der Waldneukirchner Wallfahrtsweg direkt am Kirchenplatz ein.



Der keltische Kultplatz



Unsere keltischen Vorfahren verehrten ihre Götter in der freien Natur, an besonderen Plätzen, an Plätzen, die ihnen als besondere Plätze erschienen. Da sie in Einklang mit der Natur lebten, erkannten sie solche Plätze und versammelten sich dort.

Als Merkmale eines Kultplatzes empfanden sie etwa besondere Geländeformen, eine Quelle, eigenartige Steinformationen, eine von der Natur unbewachsen gebliebene Fläche im Wald, einen Hain. Darüber hinaus "erspürten" unsere Vorfahren die besonderen Strahlungsverhältnisse an diesen "Kraftorten".

Nicht umsonst erbaute man später christliche Kirchen und Wallfahrtsstätten an solchen Kraftorten.

Was lässt uns darauf schließen, dass die Nikolauskirche an einem solchen "Kraftort" stand?
Welche Qualitäten zeichneten und zeichnen diesen Ort aus?



Die radiästhetische Untersuchung



Radiästhetische Karte
Radiästhetische Karte: Standplatz der Nikolauskirche (grün) nach Elfriede Koch samt den "besonderen Plätzen" (rot) an diesem Ort. (Grundlage: Katasterblatt Emsenhub)
Anlässlich der Einrichtung des Wallfahrermuseums Adlwang wurde Frau Elfriede Koch, anerkannte Radiästhesistin aus Linz, gebeten, die Wallfahrtskirche Adlwang auf sogenannte "gute Plätze" zu untersuchen, wobei sie auch fündig wurde (1). Daraufhin besuchte sie auch den Platz der St. Nikolai-Kirche und bestätigte die Vermutung, dass es sich auch dort um einen "Ort der Kraft" handelt. Anhand ihrer Beschreibungen konnte ein Plan der "Kraftströme" an diesem Ort angelegt werden. Zu mehreren Malen zugezogene Rutengänger bestätigten die Erkenntnisse von Frau Koch, ohne mit ihr Kontakt aufgenommen zu haben.

(1) Bachler, Käthe, Der gute Platz, Linz 1994, S.77 Es gibt nicht nur in allen Häusern gute Plätze, es gibt an manchen Orten "besonders" gute Plätze, oft an heiligen Quellen mit intensiver, aufbauender, kraftspendender "Strahlung". Diese Orte werden auch "Orte der Kraft" genannt.



Der Kultstein



Viele Menschen stehen der Radiästhesie, dem Pendeln und Rutengehen skeptisch gegenüber. Als sichtbares Zeichen für den alten Kultplatz am Ort der späteren St. Nikolai-Kirche gilt der Lochstein, allgemein "die Hand" genannt. Es handelt sich dabei um einen Stein, der eine 55 Zentimeter tiefe und 12 Zentimeter breite Öffnung aufweist. Diese Öffnung verjüngt sich und endet in fühlbaren Rillen, den "Fingern", deswegen "die Hand". Der Stein befindet sich an der Rückwand der Nikolai-Klause (später Möslinger-Häusl genannt). Vorweg soll gesagt werden, dass die Menschen hier Linderung ihrer "Handleiden", wie etwa der Gicht erbeten haben und das noch zu Zeiten nach dem 2. Weltkrieg. Der Stein war in der St. Nikolai-Kirche eingemauert und sollte nach deren Abriss in die Adlwanger Kirche übertragen werden, was die Anwohner aber zu verhindern wussten. Die Wirkung des Steines sei an diesen Ort gebunden, sagten sie. Karl Lukan schreibt 1989 in seinem Buch "Wanderungen in die Vorzeit" von diesem Lochstein der St. Nikolai-Kirche (2).

(2) Lukan, Karl, Wanderungen in die Vorzeit, Wien 1989, S.54



Ein kurzes Wort zur Bedeutung der Lochsteine



Die Hand
Die Hand
Sie hatten für die Kelten eine mehrfache Bedeutung. Einmal standen sie an jenen Plätzen, an denen Schwerverbrecher vom Ortsgericht dem höheren Gericht übergeben wurden, bildeten also die Grenze zweier Rechtsbezirke. Andererseits galten sie als "Seelensteine".

Diese erlaubten den Seelen das "Ein- und Ausschwirren" von einer Welt in eine andere. Denken wir an das Samheinfest, heute Halloween (=All Hallows Evening = Allerheiligenabend), an dem nach dem alten Glauben die Seelen noch einmal ihre irdische Behausung besuchen durften. Die beleuchteten Kürbisse sollten dazu dienen, die Seelen am Betreten der Häuser zu hindern. Dieser Brauch ist aber neueren Datums.

Die Menschen legten damals Opfergaben in die Öffnungen der Lochsteine, um die Seelen zu "besänftigen".

Der Lochstein von St. Nikolai hat aber nur auf einer Seite eine Öffnung. Ohne die Phantasie bemühen zu müssen, denken die Menschen hier wohl seit Jahrtausenden an ein weibliches Fruchtbarkeitssymbol. Die Erbauer der späteren St. Nikolai-Kirche fügten diesen Stein in das Kirchengebäude ein. Der Heilige Nikolaus ist ja bekanntermaßen für vieles "zuständig", aber für die weibliche Fruchtbarkeit wird er wohl nur hier bemüht.

Gustav Gugitz schreibt über die Wallfahrten der Frauen nach St. Nikolai bei Waldneukirchen um Kindersegen (3). In einem anderen Werk berichtet er, dass noch nach Abbruch der Kultstätte Menschen von weit und breit kamen, um den kranken Arm in die Öffnung zu stecken. Auch kinderlose Ehepaare kamen zur Berührung (4).

(3) Gugitz, Gustav, Die Wallfahrten nach Adlwang im Lichte der Mirakelbücher, Wien 1951, S.42
(4) Gugitz, Gustav, Die Wallfahrten Oberösterreichs, Linz 1954, S.56




Die Quelle



Brunnen
Brunnen
Zum Kultplatz der Alten gehörte auch ein Quellheiligtum. Der Schacht, er führt immer noch Wasser, ist noch zu sehen.

Er versorgt heute das talwärts gelegene Lindenbauerngut, in dessen Besitz er sich heute befindet. Seit alters her, das heißt seit den Zeiten der St. Nikolai-Kirche, haben die Bewohner der Nikolai-Klause das Schöpfrecht bei diesem Brunnen.

80% aller Wallfahrtsorte in Österreich haben auch einen "Heiligen Brunnen" (5). Meist werden den "Heiligen Brunnen" drei Heilwirkungen zugeschrieben, nämlich Hilfe bei Augenleiden, Hilfe bei Fußleiden und Hilfe bei weiblicher Unfruchtbarkeit. Gerade dieses dritte Anliegen lässt sich nun mit der Bedeutung des Lochsteines verbinden, also eine Kombination zweier Kultobjekte mit demselben Ziel. Eine balneologische Untersuchung (6) des Brunnenwassers ergab keinerlei Besonderheiten, auch nicht den vermuteten Jodgehalt. Jodwasser steht in keinerlei Zusammenhang mit weiblicher Fruchtbarkeit. Galt nun aber St. Nikolai als Ziel von Pilgern mit Kinderwunsch wie auch Adlwang selbst, was für dort ja die im Wallfahrermuseum befindlichen Votivgaben (7) beweisen, dürfen wir alte vorchristliche Kultplätze an beiden Orten annehmen.

(5) Lukan, Karl, Wanderungen in die Vorzeit, Wien 1989, S.21
(6) im Besitz von Mag. Ernest Ulbrich
(7) Kröten aus Wachs als Votivgaben für Kinderwunsch




Die Kugelsteine



Kugelsteine
Kugelsteine
Um etwas von den "kultischen Höhen" herabzusteigen seien hier noch jene großen kugelförmigen Steine erwähnt, die sich sowohl am Unterlauf des Stockachbaches wie auch im Sulzbach oberhalb der Mündung des Stockachbaches in denselben befinden.

Es handelt sich dabei um etwa fünfzehn Exemplare unterschiedlicher Größe, mindestens jedoch mit einem Durchmesser von 80 Zentimeter. Einige sind vom Wasser freigespült. Die größten Exemplare, von ihnen ist nur die obere Kappe zu sehen, dürften bis zu 3 Meter Durchmesser aufweisen. Je ein kleineres Exemplar befindet sich bei der St. Nikolai-Klause und im Wallfahrermuseum Adlwang.

Geologen deuten sie bislang als Produkte von Gletschermühlen. Nähere Untersuchungen werden hier Licht ins Dunkel bringen können.

Eindrucksvoll sind diese Objekte allemal. Was werden die früheren Bewohner dieser Gegend von diesen Kugelsteinen gehalten haben? Sahen sie auch darin Göttliches? Benutzten sie dieselben als Kultobjekte? Wir werden es wohl nie erfahren.



Ein Ortsnamensplitter



Einige 100 Meter oberhalb des Kultplatzes von St. Nikolai steht der Bauernhof Willneder, ein altes Rechtlehen, dessen Name alleine schon eine eigene Geschichte erzählt. Im Laufe der Jahrhunderte gab es bei diesem Namen verschiedene Schreibweisen:
  • 1477 Wiellenöd
  • 1524 Willeneder
  • 1644 Wieleneder
Die Sprachwissenschaft erkennt in den Will-, Willen- und Wiel-Namen das keltische Urwort Veles (=fili, irisch), was Seher(-in), Priester(-in) bedeutet (8). Auch dies ist wiederum ein Hinweis auf die kultische Bedeutung dieses Ortes.

Doch können wir mit dem Will-Namen noch einen Schritt weitergehen. Den weiblichen Aspekt des Kultortes haben wir bereits beim Lochstein erwähnt. Die Alten sprachen von weißgekleideten Damen, Quellnymphen, welche die Menschen auf die Quellen aufmerksam machten. So auch in Adlwang. Bei dieser Dame handelte es sich nach dem Glauben der Alten um Wilbeth, eines der "drei heiligen Madeln": Ambeth, Wilbeth und Borbeth. Aus ihnen wurden später Magdalena, Katharina und Barbara.

Wilbeth war nun jene Göttin, die den Lauf des menschlichen Geschickes bestimmte, vom Werden aus der Erde bis zum Zurückkehren dorthin in einem ewigen Kreislauf (9). Ihr Attribut war das vier- oder zwölfspeichige Rad (= vier Jahreszeiten, 12 Monate). Als sichtbares Zeichen der Wilbeth galt der Mond, der seine Gestalt immer wiederkehrend verändert und so auf das Leben auf Erden einwirkt. Längst haben wissenschaftliche Forschungsreihen die alte, als Aberglauben abgetane Bauernweisheit vom Zusammenhang zwischen Mondphasen und Wachstum bestätigt (10).

Gerade in Nikolauskirchen, so in Südtirol und im Elsaß, finden sich Altäre zu Ehren der "drei heiligen Madeln" (11). An Orten, die nur einer Bethe, also einem "heiligen Madel" geweiht waren, übernahm dann in christlicher Zeit die Gottesmutter Maria deren Platz. So war der Hochaltar der Nikolauskirche nicht, wie man erwarten könnte, dem Heiligen Nikolaus geweiht, sondern der Gottesmutter Maria (12).

(8) Resch-Rauter, Inge: Unser keltisches Erbe, Wien 1994, S.482
(9) Resch-Rauter, Inge: Unser keltisches Erbe, Wien 1994, S.482
(10) Lukan, Karl: Wanderungen in die Vorzeit, Wien 1989, S.271
(11) Resch-Rauter, Inge: Unser keltisches Erbe, Wien 1994, S.260
(12) Weiheurkunde 1385, Diözesanarchiv Linz




Nach dieser Reise in unsere Vorgeschichte nun zur Frühzeit der Nikolauskirche



Vischer Karte
Ausschnitt aus der Karte von Matthäus Vischer 1667
Die Anfänge eines Ortes, einer Stadt oder einer Kirche urkundlich zu belegen ist in vielen Fällen gar nicht möglich, weil Aufzeichnungen aus dem Mittelalter oft nicht bis zum heutigen Tag überlebt haben, seien sie nun Bränden oder auch der Geringschätzung zum Opfer gefallen. Umso erfreulicher ist es, dass die Anfänge der St. Nikolai-Kirche schriftlich nachweisbar sind und daraus wertvolle Schlüsse auf die damaligen Zeitumstände gezogen werden können. So lassen uns die vorhandenen Quellen des 14. Jahrhunderts einen Blick bis in das ausgehende 12. Jahrhundert tun, der Gründungszeit der St. Nikolai-Kirche.

Die Quellen:
  1. Codex Fridericianus 1302 (Stift Kremsmünster)
  2. Lehensbrief der Herren von Losenstein 1337 (Oö.Landesarchiv)
  3. Ablassurkunde 1385 (Diözesanarchiv Linz)
Der Kremsmünsterer Pater Bernardus Noricus verfasste zu Beginn des 14. Jahrhunderts im Auftrag seines Abtes Friedrich von Aich (1274-1325) ein Urbar (liber possessionum) und ein Kopialbuch (liber privilegiorum). Auf Blatt 50 des letzteren Werkes ist die Jahreszahl 1302 vermerkt. Auf Blatt 51 findet sich die Abschrift der Stiftungsurkunde des Klosters aus dem Jahr 777.

In dieser Urkunde findet sich nun zweimal der Ortsname Sulzipach.
  1. Salinam quae ad Sulzibach (=Salzsieder von Hall/Pfarrkirchen)
  2. in Sulzipach rem ad ipsam ecclesiam pertinentem
Diese zweite Erwähnung des Namens Sulzipach gab der Forschung lange Zeit Rätsel auf. Schon der Schreiber Bernardus Noricus setzte zu dieser Erwähnung eine erklärende Randnotiz hinzu:
"Quae nunc est filia in Waldneunkirchen (13), quam Ulricus de Gruenpurg construxit". (Übersetzung: Welche nun eine Filiale von Waldneukirchen ist, die Ulrich von Grünburg errichtet hat".)

Er identifizierte dieses Sulzipach also mit der ihm bekannten Nikolauskirche am Sulzbach (14), die damals einen Filiale von Waldneukirchen war und 1792 demoliert wurde (15).

Bernardus Noricus setzte also noch hinzu, was er von dieser Kirche wusste. Schon Pösinger hegte Zweifel an dieser Zuordnung. Die moderne Forschung legt dieses zweite Sulzbach nach Niederbayern, wo das Kloster bei Vilshofen auch, gemäß der Stiftungsurkunde (Nordfilusa) Besitzungen hatte. Die Vils hat nun einen Zufluss mit dem Namen Sulzbach.


Hl. Nikolaus
Hl. Nikolaus
Überdies reicht das Patrozinium des Heiligen Nikolaus in Europa auch nicht bis in die Karolingerzeit zurück, sondern tritt erst mit Theophanu, einer byzantinischen Prinzessin, welche die Gattin von Kaiser Otto II. wurde, im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts im Reich auf. Besondere Verbreitung fand die Verehrung des Heiligen Nikolaus aber erst seit der Übertragung der Gebeine, oder sagen wir ruhig Reliquienraub dazu, von Myra (heute Türkei) nach Bari in Süditalien im Jahre 1087 (16).

Worin besteht nun der Wert der Randnotiz zum zweiten Sulzbach der Stiftungsurkunde von Kremsmünster? Um aus seiner Sicht Klarheit zu schaffen, setzte Bernardus Noricus sein Wissen zu jenem zweiten Sulzbach als Randnotiz hinzu. Er hatte sich zwar geirrt, uns aber unwillkürlich Informationen über die Nikolauskirche am Sulzbach überliefert. Zu diesem Schluss kommen die Historiker.

Die St. Nikolauskirche bezeichnete Bernardus Noricus als Filiale von Waldneukirchen. Hier hilft uns eine Erwähnung aus dem Jahr 1337. Da ist von einem "Zehent in Sulzbach in Neunchircher Pfarr pei Gruenpurg" die Rede, den die Brüder zu Losenstein an die Brüder von Röten übergeben (17).

In der Pfarre Waldneukirchen gab es nur einen einzigen Platz, der Sulzbach hieß, eben jener Streifen zwischen Hallerwald und Sulzbach, der 1784 an die neuerrichtete Pfarre Adlwang abgetreten werden musste. Bis dahin gehörte dieser Landstrich zur Ortschaft St. Nikola (18). Noch heute erinnert der Hausname "Schmid in Sulzbach" (Seidledtstr.Nr.1) an die ursprüngliche Namensgebung dieses Ortes.

Im Linzer Schlossmuseum finden sich Landkarten, auf denen noch in den Jahren 1600 und 1640 der Name Sulzbach für diesen Ort angegeben ist. Aus dem Jahr 1650 findet sich dann eine Karte mit der Bezeichnung St. Niklas, wobei es dann geblieben ist (vgl. Karte von Matthäus Vischer 1667).

Als Stifter der St. Nikolai-Kirche nennt Bernardus Noricus einen Ulrich von Grünburg.

Kirche Grünburg
Kirche Grünburg
Die Herren von Grünburg (19) standen wie die Herren von Leonstein (20) und die von Rohr (21) im Dienste des bayerischen Herzogs, der durch sie seine Besitzungen um Hall verwalten und vor allem seinen Machtanspruch in diesem Gebiet deutlich machen ließ (22). Zu diesem Zwecke saßen die Grünburger auf dem Hügel über der Steyr, den heute die vorbildlich restaurierte Pfarrkirche von Grünburg ziert.

In der Stammesreihe der Familie gibt es drei Träger des Namens Ulrich, von denen die ersten beiden in Frage kommen. Ulrich I. bestätigte um 1180 zusammen mit seinem Bruder Heinrich eine Seelgerätstiftung (23) der Gisela von Haselbach an das Kloster Garsten (24). Er hinterließ zwei Söhne, Ulrich II. und Heinrich II., wobei ersterer bis 1236 urkundlich fassbar ist. So dürfen wir, Bernardus Noricus folgend, die Entstehungszeit der St. Nikolai-Kirche in den Zeitraum von 1180 bis 1236 legen. Ulrich III., der letzte Grünburger, stand 1302 noch in jugendlichem Alter, sodass wir, wenn auch nicht mit absoluter Sicherheit, annehmen dürfen, dass er nicht der Stifter der Nikolauskirche ist. Verbleiben also Ulrich I. und Ulrich II.

Nach dem Aussterben der Herren von Grünburg fiel ihre Burg an die Landesfürsten, die Habsburger, zurück, gelangte offenbar an die Rohrer, die bereits Leonstein innehatten. Beide Burgen wurde 1390 von Herzog Albrecht III. belagert und eingenommen (25). Die Herrschaft wechselte oft den Besitzer bis zu jenem Grafen Salburg, der ein Tarockpartner Norbert Purschkas war, wie Anekdoten berichten.


Stammbaum Grünbach
Aus: Siebmachers großes und allgemeines Wappenbuch, 4.Band, 5.Abteilung: Oberösterreichischer Adel, Nachtrag S.734, Nürnberg 1885-1904

Die Grundbesitzverhältnisse rund um den Platz der St. Nikolai-Kirche weisen noch im 19. Jahrhundert in das Steyrtal, gehörten doch folgende Güter und Sölden zur Herrschaft Leonstein:
  • Schmid in Sulzbach
  • Güttl am Stockbach
  • Wimmer zu Nikola
  • Wimmerhäusl
  • Kaltenhaus (=Kaltenholz-Überländ)
  • Oberstockergüttl
  • Sölden unter der Edt
  • Pomayr
  • Hasenberg
  • Embsenhuberhäusl
  • Hochegg
  • Kroiß
Der Willneder lieferte nur den Zehent nach Leonstein.

(13) Historikermeinung ist, dass Bernardus Noricus selbst die Randnotizen anbrachte. Waldneukirchen wird aber erst seit 1380 mit diesem Namen erwähnt, vorher parrochia Neunchirchen (1325)
(14) Pösinger, Bernhard: Die Stiftungsurkunde von Kremsmünster. In: 59.Programm des Stiftsgymnasiums Kremsmünster 1909, S.66
(15) Guppenberger, Lambert: Programm des Coll.Petrinum 1898, S.27
(16) Manus, Peter: Die Heiligen, Mainz 1979, S.107f
(17) Oö.Urkundenbuch VI, Nr.235
(18) Josephinisches Lagebuch 1785
(19) Feldbauer, Peter: Der Herrenstand in Oberösterreich, Wien 1972, S.157f
(20) ders., S.94
(21) ders., S.121
(22) Ausführlich dazu: Zauner Alois, Königsherzogsgut in Oberösterreich. In: Mitteilungen d.OÖ.Landesarchivs 8/1964
(23) Seelgerätstiftung = Messstiftung zum Heil der eigenen Seele oder der von Verwandten
(24) J. Siebmachers großes und allgemeines Wappenbuch, Nürnberg 1885-1904, 4.Band, 5.Abteilung, S.734
(25) Feldbauer, Peter: Der Herrenstand in Oberösterreich, Wien 1972, S.159



Noch ein kurzer Nachtrag zur Landeswerdung in unserer Gegend

Diese lässt sich anhand der Grünburger Ritter leicht erklären. Kamen sie im 11. Jahrhundert als Dienstleute der Bayerischen Herzöge ins Land, nahmen sie im späten 12. Jahrhundert immer öfter Kontakt zu den aufstrebenden Babenbergern in Österreich auf. Diese hatten bereits ausgedehnte Besitzungen in unserer Gegend. Durch einen Handstreich König Ottokars von Böhmen, der von 1246 bis 1273 auch Herzog von Österreich war, gelangte das Steyrtal zum Herzogtum Österreich. Hatte nämlich König (Herzog) Ottokar dem Burggrafen Gundakar von Steyr die Erlaubnis zum Bau der Burg von Losenstein gegeben, so als Gegenleistung für die Öffnung der Stadttore von Steyr, hielt sich Ottokar dagegen schadlos, indem er altbayerischen Besitz um Hall annektierte. So kamen die Burgen von Grünburg und Leonstein in seinen Machtbereich und später in den der Habsburger. So wurde unsere Gegend "österreichisch"!


Nach diesem Ausflug in die hohe Politik aber wieder zur Nikolauskirche

Das nächste Dokument ist ein Ablassbrief aus dem Jahr 1385 (26). Die Überschrift spricht zwar von einer erstmaligen Kirchweihe bei St. Nikolai. Im Inhalt ist aber davon nichts zu finden.

Vielmehr geht es um die Gewährung eines Ablasses durch Bischof Simon von Passau. Er gewährt allen, welche "ad ecclesiam filialem Sancti Nicolai in Sulzbach Sancti Petri in Waldneunchirchen parrochialis ecclesiae annexam Pataviensis Diocesis", also "welche die Filialkirche Sankt Nikolai in Sulzbach, zur St. Peterspfarre Waldneukirchen in der Diözese Passau gehörig", besuchen an folgenden Tagen einen Ablass:
  • an den Marienfesten
  • den Apostelfesten
  • an den Festen der vier Kirchenlehrer Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Gregor
  • und auch am Tag des Kirchenpatrons
Nicht nur an diesen Festtagen, sondern auch innerhalb der Oktav der erwähnten Feste (= folgende 8 Tage).
Nicht nur den Besuchern soll ein Ablass zuteil werden, sondern auch "ipsi ecclesia manus prorrexerint adjutrices", also den der Kirche "hilfreichen Händen".
Der Ablass umfasste den Nachlass von 40 Tagen Fegefeuer bei schweren Sünden und 40 Tagen bei "lässlichen" Sünden. Geschrieben in Kremsmünster 1385.

Es geht hier wohl nicht um eine Kirchweihe, vielmehr um einen Kirchenbauablass. Ist die Kirche erweitert worden? Der Besuch der Kirche samt Beichte und Spende sollte die Fertigstellung des Gebäudes erleichtern helfen, eine damals durchaus gängige Praxis. Dass ganz nebenher das eigene Seelenheil zu verdienen war, wird Martin Luther in 140 Jahren anprangern.

Wenn es sich hier nicht um eine Weiheurkunde handelt, dürfen wir davon ausgehen, dass die Nikolauskirche erweitert, umgebaut, vielleicht von einem ursprünglichen Holzbau in einen Steinbau verwandelt worden ist. Andererseits war und ist es auch Praxis, dass eine erweiterte, etc. Kirche wieder neu geweiht wurde, deswegen möglicherweise der Hinweis auf eine Weihe.

Um eine echte Weiheurkunde geht es im folgenden. Am Ostermontag des Jahres 1457, damals der 14. April, ist die St. Nikolai-Kirche neu geweiht worden. Schon vorher, am Samstag vor Mariä Verkündigung, damals der 20. März, erfolgte die Einweihung des Hochaltares zu Ehren der Glorreichen Jungfrau Maria und des Heiligen Johannes des Täufers. Am Samstag vor Mariä Himmelfahrt, damals der 14. August, weihte man den an der Nordseite der Kirche (ad aquilonem) befindlichen Altar der Heiligen Michael, Martin und Oswald. Zuletzt wird der Ablass von 1385 bestätigt und auf die Festtage der neuen(?) Altarheiligen ausgedehnt. Ausgefertigt wurde die Urkunde des Passauer Bischofs Sigismund am Sonntag nach Simon und Judas, damals der 30. Oktober 1457.

Wir finden hier eine Fülle von Informationen. Die Kirche erhielt damals zwei neue Altäre, sicher im damaligen gotischen Stil, entweder als Schnitzaltäre oder als solche mit Tafelbildern. Die Angaben über den jeweiligen Standort der Altäre lassen Rückschlüsse auf die Ausrichtung der Kirche zu: Jede Kirche des Mittelalters ist geostet, also liegt die Apsis, der Altarraum, in Richtung Osten. Demnach stand der Hochaltar im Osten, der Michaelsaltar an der Nordwand und der Altar des Heiligen Nikolaus demselben gegenüber. Er wird nicht erwähnt, wohl weil er nicht verändert worden ist. In unmittelbarer Nähe des Nikolausaltares wird sich wohl auch der alte Lochstein befunden haben. Der absolute "Kraftort" lag an der Westseite der Kirche, etwa in der Mitte der Westwand, laut radiästhetischer Untersuchung.

Dies alles ist aber nur eine vorsichtige Deutung der möglichen Situation. Die Geländeform an diesem Ort würde auch eine Nord-Süd-Ausrichtung der Kirche denkbar erscheinen lassen. Wie auch immer, gar zu klein dürfen wir uns die Nikolauskirche also nicht vorstellen. Doch dazu noch später.

(26) OÖ.Urkundenbuch X, Nr.468



Die Reformationszeit



Noch im selben Jahr als der Augustinereremit Dr. Martin Luther seine herbe Kritik an der Kirche übte, verbreiteten sich seine Ideen auch in Österreich. Besonders Steyr mit seinen Handelskontakten nach Mittel- und Norddeutschland entwickelte sich zur Hochburg der Reformation. An den meisten Adelssitzen der Gegend waren protestantische Prediger tätig, wie etwa in Leonstein und Mühlgrub.

Welche Kritikpunkte an der Kirche waren für das einfache Volk in unserer Gegend verständlich? Da gab es endlose Streitigkeiten um die Besetzung der Pfarren zwischen dem Patronatsherren (=Bischof, Adel) und dem Vogt (=Landesfürst, Bischof). Der Patron schlug einen Kandidaten vor und nur wenn dieser dem Vogt genehm war, erteilte er ihm die lebensnotwendige Pfründe. Gegenseitige Übergriffe waren an der Tagesordnung. Jede Rechtshandlung war mit hohen Kosten verbunden. Darüber hinaus war die Ausbildung der Priester mangelhaft, gingen sie ja nur bei einem erfahrenen Pfarrer "in die Lehre". So gab es eine Vielzahl von "Gesellpriestern", die vom Vermögen der Kirche lebten.

Die Betreuung der Filialkirchen ließ sehr zu wünschen übrig. Die wegen der drohenden Türkengefahr immer höheren Steuerforderungen der Grundherren, gepaart mit der weithin falsch verstandenen Forderung Luthers nach der "Freiheit eines Christenmenschen", brachten ganze Landstriche zeitweise in den Zustand eines Bürgerkrieges. Ganz abgesehen von den Bauernkriegen gab es bei uns auch schreckliche Einzelgeschehnisse. So wurde der katholische Pfarrer von Pfarrkirchen mit dem Tode bedroht, der Sierninger gleich ermordet.

Auch in Waldneukirchen gab es jahrelang einen evangelischen Pastor.

Nach 1624 setzte sich auf strengen staatlichen Druck hin der Katholizismus wieder durch. Gerade etwas abgelegene Kirchen oder geschützte Plätze in den Wäldern galten aber weiterhin als geheime Treffpunkte der Protestanten. Möglicherweise war auch die Nikolauskirche ein solcher Treffpunkt. In ebendiese Richtung weist ein Platz ganz in der Nähe der Nikolauskirche, der heute noch "der Predigtstuhl" genannt wird.



Die Nikolauskirche in den Kirchenrechnungen von Waldneukirchen 1625-1788 (27)



Die Auflistung und Beschreibung von Anschaffungen und Reparaturen bei der St. Nikolai-Kirche ermöglichen es uns, das etwaige Aussehen der Kirche im Inneren wie im Äußeren zu rekonstruieren. Darüber hinaus erfahren wir auch über das religiöse Leben an der Kirche, sofern dasselbe mit Finanzen zu tun hatte. Oft sind es kleine Randbemerkungen, die einen Einblick in das Leben der damaligen Zeit ermöglichen.

Die Kirche wird in ihren ältesten Teilen wohl romanisch gewesen sein, vorausgesetzt, dass sie schon von Anfang an in Stein gebaut war. Im 14. Jahrhundert, vergleiche Ablassurkunde 1385, ist aber sicher schon gotisch gebaut worden.

(27) Da die Quelle für die folgenden Ausführungen ausschließlich die Kirchenrechnungsbücher von Waldneukirchen sind, die Angaben deswegen leicht nach den angegebenen Jahren zu überprüfen sind, wird hinfort auf Fußnoten verzichtet.



Das Dach



Das Gebäude war mit Schindeln gedeckt. Ziegel werden erst 1681 erwähnt.
1632 benötigte man 9500 Schindeln und 11.000 Schindelnägel. Das Dach war sicher immer ein Problem. Fast jedes Jahr mussten Schindeln ausgetauscht werden, besonders nach Sturmschäden. Die Schindeln des Jahres 1632 lieferte der Zeitlhuber. Die Schindelnägel kamen aus Losenstein. Zwei Wochen arbeitete der Zimmermann Georg Gossenbauer mit drei Zimmerknechten und einem Tagwerker.
Nach 30 Jahren, 1661 mussten 2 Zimmerleute wiederum 9 ½ Tage lang 3500 Schindeln aufdecken.
Neun Jahre später war es wieder soweit. 1679 kaufte der Pfarrer beim Wieser 8000 Schindeln für St. Nikolai.

1681, anlässlich der großen Renovierung unter Pfarrer Urban Kyer, wurde die ganze Kirche neu eingedeckt, "höchstbedürftig", wie es heißt. Das hielt jetzt fast 20 Jahre bis 1698.
1707 ist wieder vom Dach die Rede, größere Reparaturen gab es dann 1712 mit 2500 Schindeln, 1714 dann 2000 Stück und ebenso 1763.
1775 lieferten der Schraiberger und der Strasser (Obstrasser) zusammen 6000 Schindeln zur St. Nikolai-Kirche.
Vier Jahre später schlug der Blitz ein und wiederum wurden 3000 Schindeln benötigt.

20-30 Jahre hielt also ein Schindeldach durchschnittlich. Die Nägel bezog man damals entweder von einem Ennstaler Nagelschmied oder, bei kleineren Aufträgen vom nahegelegenen Schmid im Sulzbach.



Der Turm



Es ist nicht zu klären, an welcher Stelle des Firstes der Turm als "Dachreiter" saß. Die Kirche hatte sicher von Anfang an einen Turm. Er könnte bei einer Erweiterung des Gebäudes in die Mitte des Firstes "gerutscht" sein. Er war natürlich aus Holz gebaut und mit Schindeln verkleidet, obwohl dies schon nicht mehr unbedingt notwendig war. Auf der Spitze gab es einen "Knopf" aus Kupfer und darüber das Kreuz.

Bei der Generalsanierung 1681 ließ Pfarrer Kyer einen neuen Turm errichten und alles "zu längerem Maße roth anstreichen".

1779 schlug nun der Blitz in den Turm ein, sodass innerhalb von 4 Wochen ein neuer aufgestellt wurde. 9 Stamm Holz lieferte der Pomayr, 3000 Schindeln erwiesen sich als notwendig. Der Zimmermann arbeitete mit drei Gesellen. Ein Zechpropst hat den "Zuraicher" gemacht. Zuletzt erhielt der Turm wieder sein "Röth". 24 Laden lieferte der Hörmüllner zur Baustelle. Auch der Kupferschmied hatte Arbeit mit dem Turmknopf.



Die Glocken



Waldneukirchner Sterbeglocke
Waldneukirchner Sterbeglocke
Im Turm hingen zwei Glocken. Sie müssen sehr alt gewesen sein, da nie von einer Neuanschaffung die Rede ist. Denken wir hier an die uralte Glocke von St. Blasien, die aus dem 14. Jahrhundert stammt und auch an die Sterbeglocke von Waldneukirchen, deren Herkunft bis heute ungeklärt ist.

1640 schaffte die Pfarre zwei Glockenseile für St. Nikolai um 3 Gulden und 4 Schilling an, 1652 einen neuen "Glockenschwingelriemen", 1658 8 Klafter Glockenseil (=15,168m, Wiener Klafter) und einen Ring zur Befestigung desselben.
Dürfen wir hier die Höhe der Glockenstube annehmen? Es wären 16 Meter.

1674 ist von zwei "Körmb Welefe (?) zu St. Nicolay beyen Glocken" die Rede, also dezidiert von zwei Glocken. 1679 bedurfte es wieder zweier neuer Glockenseile und 1712 dann zweier "Neder Mitterleder" (Glockenleder).

Wo diese beiden uralten Glocken gelandet sind, weiß bis jetzt noch keiner, möglicherweise ist eine davon wirklich die Waldneukirchner Sterbeglocke (siehe Bild).



Die Sakristei



Sie war offensichtlich wie damals üblich außen angebaut (vgl. St. Blasien) und hatte ein sogenanntes "Überzimmer", das in Holz gearbeitet war.

Hiermit gab es oft Probleme. 1625 hatte der Sturm dieses Überzimmer "herabgeworfen". Georg Läffhuber und noch ein anderer Zimmermann setzten ein neues Überzimmer auf, doch gab es acht Jahre später wieder das nämliche Problem. Wiederum musste "das ober Zimmer bei St. Nicolai auf der Sakristei" neu errichtet werden. Zielführend war aber dann erst eine durchgreifende Erneuerung im Jahr 1635. Sechs Wochen arbeiteten drei Maurer mit ihrem Meister, zwei Tagwerker und zwei Zimmerleute daran. Doch sieben Jahre später ging es schon wieder los mit einer Reparatur.

1668 erhielt die Sakristei ein neues Dach. 1670 hatte der Mesner von St. Nikolai an dem Überzimmer gearbeitet. Später scheint dann alles in Ordnung gewesen zu sein. Auch 1681 gibt es keine Erwähnung.

Die Sakristei lag sicher an der windzugeneigten Seite der Kirche, also an der West/Südwest-Seite, in Richtung Mesnerhaus (St. Nikolai-Klause).



Friedhof?



An der Außenseite der Kirche befand sich offenbar ein größeres Kreuz. 1670 bekommt der Schmid einen Reichstaler und zwei Schilling für Nägel und Klampfen zur "Deckung des Kreuzes". Drei Maurer waren hierbei auch beschäftigt.

Ging es um den Friedhof, von dem wir noch so wenig wissen? Dass es ihn gegeben haben muss, beweisen die beim Abbruch der Kirche gefundenen Gebeine in unmittelbarer Nähe der Kirche. Pillwein schreibt davon 1828 (28).

Bei der Erwähnung eines "Totenkammerls" im Jahr 1643 lässt sich leider nicht sagen, ob sich dasselbe am Pfarrfriedhof in Waldneukirchen oder bei der St. Nikolai-Kirche befunden hat. Die Tatsache aber, dass beim Abbruch der Kirche Gebeine gefunden worden waren, lassen uns aber doch an die Existenz einer Grablege denken.

An sich ist das Begräbnisrecht an die Pfarrkirche gebunden, doch bei der großen Entfernung nach Waldneukirchen wäre es schon verständlich, wenn auch bei der St. Nikolai-Kirche ein kleiner Gottesacker bestanden hätte, zumindest der Kirchenmauer entlang. Im Josephinischen Lagebuch von 1785 ist allerdings kein Friedhof erwähnt, bleiben also nur die aufgefundenen Gebeine als Hinweis.

(28) Pillwein, Benedikt: Geschichte und Geographie und Statistik des Erzherzogtum Österreich ob der Enns und des Herzogtums Salzburg, Linz 1828m II.Band, S.350



Der Brunnen



Bründlkapelle, Aufnahme 1942
Bründlkapelle, Aufnahme 1942
Vom heute bestehenden Brunnen ist in den Kirchenrechnungen nur einmal die Rede, nämlich 1706, als er durch zwei Zimmerleute und einen Tagwerker an zwei Tagen repariert worden ist.

Damals bestand wohl längst die Brünndlkapelle, die es noch nach dem 2. Weltkrieg gab. Die äußere Einfassung und der Boden sind offenbar in Holz gearbeitet gewesen. Ob sich der Brunnen ursprünglich an anderer Stelle befand, etwa innerhalb der Kirche, lässt sich heute nicht mehr sagen.



Fenster und "Pfeiler"



1635 reparierte Merth (Markus) Schurl, Bürger und Glaser zu Hall, die Fenster der St. Nikolai-Kirche. 30 Jahre später gibt es die nächste diesbezügliche Erwähnung. Und zuletzt findet sich noch 1776 eine Reparatur durch den Glaser von Steinbach.

Wie die Fenster ausgesehen haben, hängt vom Baustil ab, romanisch oder gotisch in einfachen Formen. Die Gläser waren sicher in der damals gebräuchlichen Form gearbeitet, die wir "Butzenscheiben" nennen. Außen hatten die Fenster Netze vor, wie 1635 schon berichtet wird, als zwei davon repariert wurden.

Nun noch zu Gebäudeteilen an der Außenseite, den sogenannten "Pfeilern". Der Begriff lässt an Strebepfeiler einer gotischen Kirche denken. Da die St. Nikolai-Kirche aber eine Flachdecke besaß, wären solcherart Pfeiler sinnlos gewesen, gab es ja keinen Gewölbedruck, den sie hätten ausgleichen müssen. Was wissen wir von diesen Pfeilern?

1657 sind sie, also mehrere, von einem Zimmermeister (!) gedeckt und größer gemacht worden. Diese Arbeit verschlang die Summe von 2 Gulden und 4 Schilling. Nur 1781 hat dann noch ein Maurer bei St. Nikolai die Kirchenpfeiler "ausgemaucht", zwei Taglöhner halfen dabei.

Eine sinnvolle Erklärung für die Existenz dieser Pfeiler ist wohl, dass sie irgendwann zur Festigung des ja doch uralten Mauerwerkes angebracht worden sind.



Die Inneneinrichtung der Kirche



Der älteste christliche Kultgegenstand an diesem Ort ist sicher eine Nikolausstatue gewesen. Ob es immer noch jene war, die schließlich nach Abbruch der Kirche in der Bründlkapelle landete, lässt sich nicht sagen.

Wie bei den Ablassbriefen und Weiheurkunden schon erwähnt, besaß die Kirche seit 1457 einen neuen Hochaltar (Hl. Maria), einen Altar zu Ehren der Heiligen Michael, Martin und Oswald und eben den Nikolausaltar mit dem Heilstein, wenn er denn im Inneren der Kirche war. So blieb es wohl bis 1681. Die Altäre waren, dem Zeitgeschmack entsprechend, entweder geschnitzte Schreinaltäre, wie der allerdings aus der Neugotik stammende ehemalige Herz-Jesu-Altar der Pfarrkirche Waldneukirchen, oder aber Altäre, die mit gemalten Tafelbildern versehen waren.

Ob die 1658 erwähnten 124(!) Lärchenladen für eine Holzdecke verwendet worden waren, lässt sich nicht beweisen, ist aber wahrscheinlich. Doch dazu noch später!

Früher gab es eine Gepflogenheit: Bekam die Pfarrkirche eine neue Einrichtung, übertrug man die alten "Möbel" in die Filialkirchen und hat sie den dortigen Platzverhältnissen entsprechend "zurechtgestutzt". Dies geschah auch 1668, als die alte Kanzel von Waldneukirchen in die St. Nikolai-Kirche übertragen wurde. Ein "alter Tischler" und ein Maurer übernahmen diese Arbeit. Der Schmied brachte "etliche Klampfen und lange Nägl zu ermelter Kanzel".

Pfarrer Urban Kyer verschaffte der Kirche bei der von ihm durchgeführten Generalrenovierung 1681 einen neuen Hochaltar und neue Kirchenstühle, die hier zum ersten Mal erwähnt sind. Übrigens, im Mittelalter gab es in den Landkirchen überhaupt keine Stühle. Die Gläubigen standen oder knieten, was ja bekanntlich gesünder ist.

Holzdecke mit Originalmotiv
Holzdecke mit Originalmotiv
Auch eine neue Holzdecke mit Bemalung erhielt die Kirche bei dieser Gelegenheit. Ein Brett davon überlebte im Mesnerhaus der Kirche als Dachladen. Auch die Bemalung ist noch zu sehen. Die Schmuckmotive dieser Holzdecke sind heute an der Decke der Nikolauskapelle zu sehen. Es gibt übrigens in unserer Gegend nur ganz wenige Kirchen mit einer Holzdecke, zum Beispiel die Kirche St. Nikolaus in Traxlberg bei Steinhaus.

1706 übertrug man die alte Orgel von Waldneukirchen nach St. Nikolai. Dieses Instrument ist 1666 vom berühmten Passauer Orgelbauer Putz erneuert worden, war damals also schon ein altes Werk. 20 Jahre zuvor war sie zum letzten Mal repariert worden. Möglicherweise stammte sie noch aus vorreformatorischer Zeit. Jedenfalls wird es eine eher kleine Orgel gewesen sein, die da ins Ausgedinge nach St. Nikolai verbracht worden ist. Wie lange sie noch Dienst tat, ist unbekannt, wahrscheinlich bis zum Ende. Die Waldneukirchner freuten sich 1706 über eine neue Orgel und feierten den neuen Kaiser Joseph I. mit Messe und Te Deum. Ob die alte Orgel in St. Nikolai auf einer Empore stand, lässt sich nicht sagen, erwähnt ist keine.



Die Kirchenstühle



Im Bericht über die Renovierung 1681 ist von "neuen" Kirchenstühlen die Rede. Diese Bezeichnung lässt uns daran denken, dass es auch schon vorher Bänke gegeben haben könnte, etwa entlang der Wände. Kirchenstühle sind für die Kirchenrechnung offensichtlich erst dann interessant geworden, als damit Ausgaben oder gar Einnahmen verbunden waren.

So findet sich 1705 eine kleine Auflistung von Kirchensitzmieten in St. Nikolai, die hier wiedergegeben werden soll:
Ramoser 2 Stühle, ander Ramoser 1 Stuhl, Mayr zu Rammersdorf 2 Stühle, Renolt 1 Stuhl, Putzard Söldner 1 Stuhl, Schöppl 1 Stuhl, Schäffinger 1 Stuhl, Stainhauer 1 Stuhl, des Jägers Sohn im Sattel 1 Stuhl, Gruber in Pirzl 1 Stuhl, Hannseder 1 Stuhl.
1706 weiters: Kornfaill 1 Stuhl, Hartmayr Juglriesen 1 Stuhl, Oberleuthner 1 Stuhl, Bertholmhuber 1 Stuhl
1707 weiters: Reindl 1 Stuhl, Pimbsner 1 Mannsstuhl (!), Geyritter 1 Stuhl
1709 weiters: Gebeshueber 1 Stuhl
1710 weiters: Pömberg (Pöglberger?)1 Stuhl, Georgenberger 3 Stühle

In der Folgezeit sind die "Neumieter" nicht mehr extra angegeben, lediglich die Einkünfte finden sich weiter. Wie viele Sitzplätze es in der Kirche gab, ist ungewiss.
Die Trennung in "Mander- und Weiberseitn" dürfte aber damals gebräuchlich gewesen sein. 1770 sind die Stühle noch einmal repariert worden.



Das religiöse Leben an der St.Nikolai-Kirche



Der mittelalterliche Mensch war ganz eingebettet in den Lauf des Kirchenjahres. Es war dies jene Ordnung, die zusammen mit dem natürlichen Jahreslauf der Jahreszeiten sein Leben und Arbeiten bestimmte. Da es so etwas wie Urlaub nicht gab, wurden alle Feiertage genau eingehalten, jetzt einmal ganz abgesehen von der großen und ganz handgreiflichen Frömmigkeit der Menschen.

Darüber hinaus führte die mittelalterliche Ablasspraxis dazu, dass die Gläubigen besonders an jenen Tagen die Kirchen aufsuchten, an denen dort ein Ablass zu gewinnen war. Die Lehre der Kirche ging damals davon aus, dass neben der Beichte, durch welche die Sünden an sich vergeben wurden, auch noch der Ablass vonnöten sei, um die aus den Sünden zu erwartenden Strafen (=Fegefeueraufenthalt) so weit wie möglich zu tilgen.

Rekonstruktion der Ablasstage bei der St.Nikolauskirche (allerdings erst nach dem Tridentinischen Kalender) (29)
  • Mariä Lichtmess (2. Februar)
  • Hl. Matthias (24. Februar)
  • Mariä Verkündigung (25. März)
  • Hl. Markus (25. April)
  • Hll. Philipp und Jakob (1. Mai)
  • Hll. Petrus und Paulus (29. Juni)
  • Mariä Heimsuchung (2. Juli)
  • Hl. Jakobus (25. Juli)
  • Maria Schnee (5. August)
  • Hl. Oswald (5. August)
  • Mariä Himmelfahrt (15. August)
  • Hl. Bartholomäus (24. August)
  • Hl. Augustinus (28. August)
  • Hl. Gregor (3. September)
  • Mariä Geburt (8. September)
  • Hl. Matthäus (21. September)
  • Hl. Michael (29. September)
  • Hl. Hieronymus (30. September)
  • Hl. Lukas (18. Oktober)
  • Hll. Simon und Judas (28. Oktober)
  • Hl. Martin (11. November)
  • Mariä Opferung (21. November)
  • Hl. Andreas (30. November)
  • Hl. Nikolaus (6. Dezember)
  • Hl. Ambrosius (7. Dezember)
  • Mariä Empfängnis (8. Dezember)
  • Hl. Thomas (21. Dezember)
  • Hl. Johannes Evangelist (27. Dezember).
Diese Aufzählung kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben!

(29) Konzil von Trient 1545-63



Wallfahrts-, Prozessionsweg von Waldneukirchen nach St. Nikolai



Mit einiger Sicherheit lässt sich der Weg rekonstruieren, der früher von der Pfarrkirche zur Filiale benutzt wurde. Manche Teilstrecken dienen heute dem Autoverkehr, ein kurzes Stück ist nur mehr in der Geländeform wahrnehmbar.

Das Josephinische Lagebuch spricht bei der Grenzziehung der Katastralgemeinde St. Nikola von der "Todtenstraße", die an die Katastralgemeinde Wagenhub angrenzte. Demnach und nur demnach musste es sich um die heutige Hallerwaldstraße handeln, auch wenn die Bezeichnung "Totenweg" auch für andere Strecken gebräuchlich war.

Abgang ins Phyret
Abgang ins Phyret
Der eigentliche Wallfahrtsweg nach St. Nikola verlief aber meist eben auf halber Höhe des Waldrückens zwischen Waldneukirchen und der St. Nikolai-Kirche dahin.

Ausgehend vom Dorf Waldneukirchen erreichten die Pilger den Weiler Emsenhub, streiften den Phyretwald, gelangten auf geradem Weg zum Pomayrgut und überquerten beim Pomayr-Kreuz den Stockachbach, um nach wenigen Minuten bei die Kirche von St. Nikolai anzukommen. Um sich den Abstieg in das Phyret zu ersparen gab es noch die Möglichkeit, von Emsenhub aus einem ebenen Weg durch den "Stocker-Wald" zu folgen, der heute weithin als Forststraße ausgebaut ist. 300 Meter vor der Kirche treffen sich beide Wegstrecken. Der Vorteil dieser Wege ist noch heute ganz augenscheinlich. Es sind keinerlei steile Berge zu überwinden, was das Gehen, es dauerte etwa 1½ Stunden, und auch das Beten erleichterte. Ein Stück des Weges wurde vor einigen Jahren dankenswerterweise als Wanderweg markiert und bleibt auf diese Weise erhalten. Ein anderes Stück existiert nur mehr in der Erinnerung der älteren Leute, es ist dem Pflug zum Opfer gefallen. Trotzdem lässt sich der alte Prozessionsweg auch heute noch mühelos begehen, wenn auch mit einem kleinen Umweg aus dem erwähnten Grund. 90% des Weges sind noch erhalten (siehe Bild: Abgang ins Phyret)

Wann gingen die Gläubigen nun auf diesem Weg zur Nikolai-Kirche?
Schriftliche Zeugnisse über Prozessionen haben wir erst seit Beginn der Kirchenrechnungen in Waldneukirchen im Jahr 1624, als sich das katholische Leben nach Reformation und Bauernkrieg wieder entfaltete. Dass es aber auch in früherer Zeit Prozessionen gegeben hat, dürfen wir mit Sicherheit annehmen. Gelegentlich findet sich bei einer der frühen Aufzeichnungen die Anmerkung "von alters her", was deutlich in die Zeit vor der Reformation weist.

Der wichtigste Termin war alljährlich der Philipp-und-Jakob-Tag, früher der 1. Mai. Da ging man "von alters her" mit "Singern und Fahntragern" nach St. Nikolai, wo man Messe hielt und dann nach Adlwang zum Rosenkranz und sicher auch zum Wirt, da es bei St. Nikolai ja keinen gab. Vier Vorbeter waren dazu notwendig! Wie viele Menschen werden an dieser Prozession teilgenommen haben! Die heutige Maiprozession der Waldneukirchner gibt es also schon seit Jahrhunderten.

Die zweite Prozession war die Markusprozession am 25. April jeden Jahres. Eine weitere gab es noch im Mai, wohl eine der heutigen Bittprozessionen, immer in der Art wie am 1. Mai.

Manchmal sprach man nicht von einer Prozession, sondern von "mit dem Kreuz gehen". Da war wohl noch mehr das Bittgebet im Vordergrund, wie es in der Allerheiligenlitanei heißt: "vor Krieg und Pestilenz .."



Gottesdienste in der St. Nikolai-Kirche



Der Pfarrer von Waldneukirchen hielt traditionsgemäß vier Gottesdienste jährlich und erhielt dafür ein Deputat von 8 Gulden. Der Terminkalender eines Pfarrers aus den Jahren 1759-1761 zeigt uns, dass er die vier Gottesdienste eher gegen Jahresende gehalten hat, die letzte Messe immer am 31. Dezember, "pro divinis Sacrificiis". Sollte ihm diese Verpflichtung eine Last gewesen sein? Die übrigen Messen wie auch die Prozessionen hielt der Kooperator.

Die Anzahl der jährlichen Messen hing von den Stiftungen ab. Im erwähnten Terminkalender sind pro Jahr etwa 15 Messen erwähnt. Die meisten wurden "per Todtfall" gestiftet, also Seelenmessen für Verstorbene wie auch heute noch üblich. Gelegentlich vermachte jemand eine Summe Geldes samt einer Heiligen Messe im Falle des eigenen Todes an die St. Nikolai-Kirche. Hier einige Beispiele:
  • Von der Bergmayrin in Riedterpfarr zu Todtfall zum Gottshaus St. Nicolay 1 Reichstaler
  • Auf Absterben Elisabeth Riedlpergerin zum Gottshaus St. Nicolay 6 Schilling
  • Auf Absterben der Stögermayrin 1 Reichstaler
  • Nitweniger von der Schmirglin per Todtfall 6 Schilling
  • Von der Messerhaiderin per Todtfall 1 Reichstaler und 2 Schilling
  • Von der Jungwirtin 6 Schilling
Überdies gab mancher bei der Hofübergabe eine Spende an die St. Nikolai-Kirche:
1673: Zu St. Nicolay ist bei des Stögermaiers .. Abteilung aufgehebt worden 1 Reichstaler und 4 Schilling
1673: Zugleichen bei der käuflichen Übergab des Oberhametnergehöftes alldahin aufgehebt 6 Schilling

Ganz allgemein gesehen waren sehr häufige Messtermine der 25. Juli (St. Jakob), der 11. November (St. Martin, Altar!), ferner sinnigerweise während des ganzen Advents, einmal extra als Rorate erwähnt.

Die Einschränkung und schließlich das Verbot der Wallfahrten und Prozessionen unter Strafandrohung durch Kaiser Joseph II. ließ sicher auch die Besucherzahl bei der St. Nikolai-Kirche sinken. Gottesdienste wurden aber weiterhin gehalten.



Die Schließung der St. Nikolai-Kirche



Verordnung 1784
Verordnung 1784
Kaiser Joseph II. ließ bald nach seinem alleinigen Regierungsantritt 1780 ein Verzeichnis aller Kirchen anlegen, die als entbehrlich eingestuft werden konnten. Dazu zählten viele Filialkirchen.

Gleichzeitig ließ er erheben, welche dieser Kirchen als neue Pfarrkirchen genutzt werden könnten. Da nun niemand weiter als eine Stunde zur eigenen Pfarrkirche haben sollte, wurden ganze Ortschaften umgepfarrt. Alle diese Fakten führten schließlich auch bei der St. Nikolai-Kirche zur Schließung und letztendlich zur Abtragung des Gebäudes. Die neue Pfarre Adlwang hatte durch die josephinischen Gesetze selbst schwere Einbußen in der Wallfahrt hinnehmen müssen und war alleine deswegen schon am Fortbestand der St. Nikolai-Kirche nicht interessiert! Alle diese Vorgänge waren also gesetzlich geregelt.

1784 wurde Adlwang, bisher eine Filiale von Pfarrkirchen, zur eigenen Pfarrei erhoben. Die Pfarre Waldneukirchen musste neben der gesamten Ortschaft Emsenhub auch das Gebiet zwischen Stockachbach und Bergwieserbach, beide in den Sulzbach mündend, an die neue Pfarre Adlwang abtreten (30). Die Pfarre Waldneukirchen behielt aber vorderhand noch die Oberhoheit über die St. Nikolai-Kirche, solange sie noch bestand.

1785 war es dann soweit. Vor der Sperrung der Kirche hielt der Pfarrer von Waldneukirchen noch fünf Gottesdienste. Anschließend wurde das Gebäude vom zuständigen Dechant in Anwesenheit des Ortspfarrers und eines herrschaftlichen Vertreters profanisiert (=entweiht). Siebenmal schickte man Boten nach Waldneukirchen und Linz, wohl um alle Dinge rechtmäßig vonstatten gehen zu lassen.

Die Paramente (Kirchengewänder) und andere "Kircheneffekten" mussten auf Kosten der Pfarre Waldneukirchen nach Linz transportiert werden, was der Rohrmoser mit seinem Fuhrwerk übernahm. Dort kamen alle Gegenstände in das "Kirchendepositum" zur weiteren Verwendung. Bisher war es nicht möglich, über den Verbleib dieser Kirchengeräte etwas in Erfahrung zu bringen. Noch dazu war die gerade erst errichtete Diözese Linz mit all diesen Angelegenheiten restlos überfordert. Das vorhandene Vermögen der St. Nikolai-Kirche verfiel dem Religionsfond, aus dessen Mittel neue Pfarren eingerichtet wurden. Übrigens wurden aus dieser Kasse bis März 1938 (!) die Gehälter der Pfarrer bezahlt.

Kumpfmüller Mühle
Kumpfmüller Mühle mit Steinen der St. Nikolai-Kirche
Nun stand die St. Nikolai-Kirche also öde und beraubt allen Schmuckes da. Mit welchem Schaudern werden die Menschen der Gegend dieses Treiben verfolgt haben. Andererseits war die Pfarre Adlwang eine Sorge los. Der alte Kultstein allerdings verblieb, wie bereits erwähnt, am heiligen Ort.

1792 ging es nun an die Abtragung des Kirchengebäudes (31). Pillwein schreibt 1828 (32), dass "die Materiale an den Maistbietenden verkauft worden seien". Hinweise auf den Verbleib des Baumaterials gibt es durchaus.

1796 errichtete der Kumpfmüller in Adlwang seine Mühle mit den Steinen der St. Nikolai-Kirche.

Erst kürzlich traten wieder Hinweise auf einem Bauernhof in St. Nikola (Gemeinde Waldneukirchen) auf. Auch dort soll Baumaterial der Nikolauskirche verarbeitet worden sein. All das wird noch genau zu untersuchen sein.

Das Grundstück, auf dem sich die Kirche befand wurde dem Wimmergut zu Nikola zugeschlagen, in dessen Besitz es sich bis heute befindet.

Vom ganzen Ensemble blieb bis heute nur die St. Nikola-Klause bestehen. Die Brünndlkapelle existierte noch bis nach dem 2. Weltkrieg. Baufällig schon gewesen, infolge eines Arbeitsunfalles mit einem Fuhrwerk schließlich einsturzgefährdet, entfernten die Besitzer das Gebäude. Die darin befindliche Nikolausstatue brachte etwas Geld ein. Wo diese Statue letztendlich gelandet ist, lässt sich heute kaum mehr sagen. Der Brunnen selbst aber existiert noch und speist einen Behälter, aus dem das Lindenbauerngut mit Wasser versorgt wird. Das schon erwähnte Schöpfrecht für die Nikola-Klause existiert aber noch.

(30) Josephinisches Lagebuch 1788: St. Nikola Nr 45-60; dann Franciscaeischer Kataster 1826 : Emsenhub 1-17 (incl. 2 neue "Häusel")
(31) Pösinger, Bernhard: Die Stiftungsurkunde des Klosters Kremsmünster. In: 59. Programm des Stiftsgymnasiums Kremsmünster 1909, S.66
(32) Pillwein, Benedikt: Geschichte, Geographie und Statistik des Erzherzogtums Österreich ob der Enns und des Herzogtums Salzburg, 2. Teil, Linz 1828, S.350




Die St. Nikolai-Klause, Singerschneidersölde, Möslingerhäusl



Mesnerhaus
Mesnerhaus
Diese Namen geben in Kurzform das Schicksal dieses Gebäudes wieder. In frühester Zeit bewohnte ein Klausner oder Einsiedler dieses Haus und betreute die Kirche. Er war Untertan des Pfarrhofes Waldneukirchen und hatte dorthin Abgaben zu leisten, die ihm aber immer geschenkt worden waren wegen der in der Kirche von St. Nikolai verrichteten Mesnerdienste. Als Entlohnung bekam er 2 Gulden pro Jahr, die der Gangl im Aign als Abgabe für den Mitterstocken zu geben hatte.

Einige Erwähnungen in den Kirchenrechnungsbüchern von Waldneukirchen:
  • 1665: dem Mesner, welcher dem Maurer "zugraicht" 1 Schilling und 10 Pfennig
  • 1670: dem Mesner bei St. Nikolai um Dargebung Holz und Laden zu dem Überzimmer samt dem Tagwerker 3 Reichstaler und 4 Schilling
  • 1672: Dem Mesner bei St. Nikolai um Holz und so er bei den Pauern gearbeitet hat 1 Reichstaler
  • Im privaten Ausgabenbuch des Pfarrers heißt es 1760, er habe dem Einsiedler zu St. Nikolai zwirnerne Handschuhe in Sierning gekauft.

Seelenregister von Adlwang
aus dem Seelenregister von Adlwang, das den Besitzer des ehemaligen Mesnerhäusls anführt
Nach der Sperrung der Kirche verkaufte der Einsiedler, sein Name ist noch zu eruieren wie überhaupt auch seine Vorgänger, also derselbe verkaufte die Klause dem Johann Georg Singer, Schneider von Beruf, im Jahr 1788. Auch dieser verwendete Abbruchmaterial der Kirche zur Erweiterung seines Hauses. Er musste nun das Zehentgeld für sein Haus an den Pfarrhof Waldneukirchen abliefern. Soweit überschlagsmäßig einige Daten zur St. Nikolai-Klause.

Gerade die letzte Phase der St. Nikolai-Kirche bedarf noch einer genaueren Durchleuchtung.

Erst im Jänner 2002 kam der Hinweis auf einen Augenzeugenbericht über den Abbruch der St. Nikolai-Kirche, der sich im Stift Kremsmünster befindet. Der Augenzeuge war P. Gabriel Strasser. Ebenso ist der Verbleib der Kirchensachen noch manche Arbeit wert.




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