Aspekte eines Kultplatzes



1. "Die Hand" - ein Lochstein aus früher Zeit

Lochsteine üben bis heute eine eigenartige Faszination aus. Über ihre Bedeutung gibt es viele Theorien. Als "Gattersteine" dienten sie, zwar zweckentfremdet, zur Anbringung von Absperrungen im ländlichen Raum. Sie als bloße Grenzsteine zu bezeichnen, würde ihre Bedeutung schmälern, auch wenn sie an alten Gerichtsgrenzen zu finden waren oder sind, an denen Schwerverbrecher vom örtlichen Gericht an das nächsthöhere Gericht überstellt wurden. Er wurde da mit einer Schnur an dem Stein befestigt. Sollte er nicht abgeholt worden sein, konnte er sich durchaus befreien und galt als frei, so belegen die Rechtshistoriker für den süddeutschen Raum.

Die Hand
Die Hand
Altes Volksbrauchtum lässt uns aber einen Blick in die frühere kultische Bedeutung der Lochsteine tun. Demnach sollten sie nicht bewegt werden, um den darunter sitzenden Armen Seelen keinen Schmerz zuzufügen. Ebenso waren es die Armen Seelen, die hier nächtens als flackende Lichter erschienen. Es ist im alten Glauben die oft viereckige Öffnung, das "Loch" im Stein, als Durchgang vom Diesseits ins Jenseits gesehen worden.

Der Lochstein von St. Nikolay in Sulzbach hat aber nur auf einer Seite eine Öffnung. Diese führt 50cm röhrenförmig sich etwas verjüngend bis zu eine Stelle im Inneren des Steines, an dessen Oberseite einige Rillen zu ertasten sind, zwischen denen die Finger einer Hand gerade genug Raum finden. Deswegen kam es wohl zu Bezeichnung "die Hand".

Die ursprüngliche vorchristliche Bedeutung dieses Steines hat aber wohl nichts mit einer Hand zu tun, viel mehr symbolisiert die Öffnung eine Vagina, sodass hier an einen Fruchtbarkeitskult zu denken ist. Nicht umsonst wurde die spätere St. Nikolai-Kirche besonders von Frauen mit Kinderwunsch besucht und in der Fortsetzung um eine gute Niederkunft. Es gibt nur sehr wenige Orte, an denen der Hl. Nikolaus auch für dieses Anliegen "zuständig" ist.

So lässt sich an diesem Ort von einem Kultkontinuum über viele Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende sprechen. Nicht umsonst erschien dieser Platz, ausgezeichnet durch Kultstein, Quelle und "Kraftort", als bestens geeignet für einen Kirchenbau, alleine schon, um alles "Heidnische" in "Christliches" umzuformen und den Menschen den Übergang zum christlichen Heilsort zu erleichtern. So wandelte sich der Fruchtbarkeitsstein zur "Hand" und rituelles Tun, die Einführung der kranken Hand in die Öffnung, sollte vom Leiden, etwa der Gicht, befreien.

Wie lange sich der Glaube an die Wirksamkeit des Steines erhielt, zeigt der Umstand, dass sich die Anwohner nach Abbruch der Kirche 1792 weigerten, den Kultstein in die Adlwanger Kirche bringen zu lassen, wie es der Pfarrer gefordert hatte. Der Stein könne nur seine Wirkung tun, wenn er an seinem angestammten Platz verbliebe, waren die Anwohner überzeugt. So verblieb der Stein am Ort und fand seinen neuen Platz an der Rückseite des bestehen gebliebenen Mesnerhäusls, und dort findet er sich noch heute und wird von vielen Besuchern gefunden. Niemand kann sich eines eigenartigen Gefühls erwehren, wenn die eigene Hand bis zum Ellbogen in dem Stein steckt und die Finger nach den Rillen tasten.



2. Die Quelle


Wasser ist immer Geschenk. Umso deutlicher wird dies an einer Quelle, sei sie nun als Brunnen gefasst oder nicht. Die "Alten" sahen darin ein Geschenk der unsichtbaren Mächte im Erdinnern. Wasser bedeutete und bedeutet Fruchtbarkeit, galt deswegen als heilig, wurde verehrt und geachtet.

Brunnen
Brunnen
So ist es nicht verwunderlich, dass bei 80% aller Wallfahrts- und Gnadenorten ein "Heiliger Brunnen" oder eine "Gnadenquelle" vorhanden ist.
Höchst interessant ist die Tatsache, dass dem Wasser "heiliger" Quellen in der ganzen Welt vor allem drei Heilswirkungen zugesprochen werden:
  • Es hilft bei Augenleiden
  • Es hilft bei Fußleiden
  • Es macht unfruchtbare Frauen fruchtbar
Der österreichische Volkskundler Gustav Gugitz meinte in seinem Buch "Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch", dass all diese "Heilswirkungen" mit den Lebensumständen der früheren Menschen zu erklären sind.

Wie auch immer, eine Gnadenquelle hat ihre Aura. Auch das "Bründl" bei Sankt Nikolai hat eine sehr alte Tradition. Sein Wasser ist allerdings genauso wenig jodhältig wie das des "Heiligen Brunnens" von Adlwang, sagen die balneologischen Befunde. Es handelt sich also "nur" um "gewöhnliches" Quellwasser. Doch müssen wir zugestehen, dass unsere Kenntnis über die Wirkweisen des Wassers noch immer in den Kinderschuhen stecken. So sei hier nur an den Begriff "Wasser als Informationsträger" erinnert.

Zusammen mit dem Kultstein dürfen wir in St. Nikolai auch eine sehr alte Heilig-Brunn-Tradition annehmen. Die Bründl-Kapelle bestand schon sehr lange, wie die Kirchenrechnungen von Waldneukirchen beweisen.
In den 40er-Jahren gab es einen Artikel über kleine Heiligtümer in dieser Gegend. Dort fand auch die Bründl-Kapelle von St. Nikolai Eingang, und das mit Foto. Bis heute die einzige überlieferte Darstellung dieser Kapelle. Nach dem Krieg wurde die Kapelle abgetragen. Das Wasser nutzt heute der Grundbesitzer.



3. Willned - Seidled - Kaltenhaus: alte Namen, sehr alte Namen


Wilbeth-Namen deuten immer auf einen vorchristlichen Kultplatz hin. Willbeth war eine der drei Göttinen: Ambeth, Wilbeth und Borbeth, die später als die "Drei heiligen Madln" verehrt wurden, in christlichem Sinn dargestellt als Margarethe, Katharina und Barbara.

Wilbeth war die Göttin, welche den Lauf des menschlichen Geschicks bestimmte, vom Werden aus der Erde bis zum Zurückkehren in die Erde. Ihr Attribut war das Rad (engl. wheel).

Seidled deutet auf die Zeidler. Früher nannte man die Imker so.

Kaltenhaus hat nichts mit einem "Kalten Haus" zu tun. In der keltischen Sprache bedeutet "caldis" Wald, "caletos" Schutz/Wacht. So geht es hier wohl am ehesten um ein Haus am Wald.

Lindenbauer kann auf das keltsiche "lindon" zurückgehen, was mit Wasserreichtum zusammenhängt. Hier kann es die Nähe der beiden Sulzbachzuflüsse sein. Weiters nutzt bis heute der Lindenbauer das Wasser aus dem St. Nikolai-Brunnen.



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